Redebeitrag der Burak-Ini
Wir sind heute hier, um Burak zu gedenken. Burak wurde ermordet. Der Gedanke, dass er noch leben würde, wenn er einen anderen Namen hätte als Burak, ist für seine Familie unerträglich. Am 5.April 2012 wurde Burak Bektaş, nur wenige Meter von hier, auf offener Straße erschossen. Er war 22 Jahre alt. Vier seiner Freunde überlebten den Anschlag, zwei von ihnen schwer verletzt. Die Behörden konnten alle möglichen Mordmotive ausschließen, bis auf eins: Mordmotiv Rassismus.
Wir stehen an eurer Seite, liebe Familie Bektaş und liebe Freund*innen von Burak. In eurer Trauer, in eurer Wut – und in eurer Suche nach Gerechtigkeit. Ihr seid nicht allein.
Der Mord an Burak geschah wenige Monate nach der Selbstenttarnung des NSU. Die Tat geschah aus dem Nichts und ist bis heute nicht aufgeklärt. Die Tat erinnert an eine NSU-Nachahmungstat. Wir gehen davon aus: Das Mordmotiv war Rassismus. Die Tat selbst ist das Bekenntnis.
Wir sind Zeug*innen, wie seitens der Ermittlungsbehörden systematisch versucht wird, das Motiv Rassismus auszublenden. Bei Mord an einem migrantisch gelesenen Menschen muss von Rassismus als Mordmotiv ausgegangen werden, solange die Behörden das Gegenteil nicht beweisen können.
Wir erinnern: Burak war jung, gerade mal 22 Jahre alt, voller Leben, mit einem ansteckenden Lächeln. Er machte eine Ausbildung als Automobilkaufmann, liebte den Sport und war stolz auf sein Auto. Burak war seiner Familie sehr verbunden.
Burak wurde geliebt. Und er fehlt. Burak wird niemals vergessen und immer fehlen.
Burak, mit seiner roten Mütze und seinem ansteckenden Lächeln.
Seit 14 Jahren stellen wir dieselben Fragen: Wer hat Burak erschossen?
Wer ist der Täter? Warum gibt es bis heute keine Antworten? Statt Aufklärung erfahren wir Stück für Stück von Versäumnissen seitens der Ermittlungsbehörden.
Die Familie fordert Gewissheit. Die Familie fordert Gerechtigkeit. Wir, die Initiative fordern Gewissheit und Gerechtigkeit.
Der Täter muss zur Rechenschaft gezogen werden.
Solange der Täter nicht ermittelt ist, lebt er möglicherweise hier in der Nachbarschaft unbehelligt weiter. Er ist bewaffnet und eine Gefahr für Alle. Wir fordern Polizei und Staatsanwaltschaft auf, ihre Arbeit zu machen.
Am 20. September 2015 geschah ein weiterer Mord in Berlin Neukölln, der Mord an Luke Holland. Der Mörder wurde festgenommen und verurteilt. Es gibt viele Hinweise darauf, dass der Täter, ein Neonazi, auch der Mörder von Burak sein könnte. Das bedeutet: Wenn der Mord an Burak aufgeklärt worden wäre, hätte möglicherweise der Mord an Luke verhindert werden können. Davon waren Lukes Eltern überzeugt, das sagt Philip Holland, Lukes Vater, auch heute. Der Mörder Rolf Zielezinski wird bald aus dem Gefängnis entlassen. Wir wissen nicht wann, weil die Staatsanwaltschaft die Information bisher verweigert. Der Umgang der Ermittlungsbehörden ist verantwortungslos und wir müssen sagen skrupellos. Die Ungewissheit treibt die Familie Bektaş und die gesamte Community um.
Der Mord an Burak und der Mord an Luke stehen in einem Kontext. Rechter Terror hat in Deutschland eine lange Geschichte, so auch in Berlin. Viel zu oft werden Nazimorde verharmlost, nicht konsequent verfolgt oder gar gedeckt. Es lässt sich heute nicht mehr leugnen, dass hinter den NSU-Morden, den Bombenanschlägen und den anderen Verbrechen des NSU, ein Komplex steckt. Es wurde sichtbar, wie Staat und Nazis Hand in Hand gehen. 2012 wurde bekannt, dass das Berliner Landesamt für Verfassungsschutz am Vernichten von Akten mit Bezug zum NSU-Komplex beteiligt war. Außerdem arbeitete das Berliner LKA mit mehreren Informanten zusammen, die aus dem Umfeld des NSU Informationen hatten, darunter mindestens einen Bezug zu Berlin Neukölln. Bundesweite Nazistrukturen reichen bis nach Neukölln. Seit Jahrzehnten existiert hier eine vernetzte und bewaffnete Neonaziszene, die migrantisierte, linke und antifaschistische Menschen angreifen, terrorisieren und bedrohen. Berliner Justiz, Polizei und Verfassungsschutz haben diese Taten immer wieder heruntergespielt und nicht ausreichend verfolgt. Die Morde an Burak und Luke sind Teil dieser Realität.
In Richtung eines rassistischen Motivs wurde beim Mord an Burak unzureichend ermittelt. So wurden bspw. keine bundesweiten Neonazinetzwerke in den Blick genommen und auch die Berliner und Neuköllner Neonaziszene wurde durch absurde Kriterien so eingegrenzt, dass am Ende nichts übrigbleibt, was von Belang sein könnte. Der Mord an Luke Holland wurde als ein Mord ohne Motiv definiert, nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Die Polizei wollte kein Motiv ermitteln. Das Gericht wollte kein rassistisches Mordmotiv feststellen. Die Existenz von Rassismus wird in Deutschland allzu gerne negiert.
Bei Rassismus, Rechtem Terror und Nazimorden herrscht in viel zu vielen Fällen Straflosigkeit. Es gibt keine angemessenen Konsequenzen für Täter*innen. Es gibt auch keine angemessenen Konsequenzen für verschleppte Ermittlungen.
„Es ist ihnen egal, ob es einen Ausländer mehr oder weniger gibt.“ Das war Melek Bektaş‘ Zusammenfassung, nachdem sie die Aussage des zuständigen Staatsanwalts im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss mit anhören musste.
Dass es einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Neukölln-Komplex gibt, ist auf den Druck aktiver und betroffener Personen und Gruppen in Neukölln zurückzuführen. Angemessen wäre, wenn sich die Ermittlungsbehörden hinterfragten. Geht es nach den Behörden, so haben sie alles richtig gemacht. Auch dafür drohen ihnen keine Konsequenzen. Wir treffen auf eine Mauer – Polizei und Staatsanwaltschaft sind nicht willens, gegen extrem rechte, rassistische Straftäter zu ermitteln. Das hat System und stellt eine Gefahr dar.
Und deswegen reden wir von institutionalisiertem Rassismus. Es geht um strukturelles Versagen. Ein Versagen, das Menschen aus dem Leben reißt und unendliches Leid über die Überlebenden und die Hinterbliebenen bringt.
Deswegen sind wir heute hier und rufen: Schluss mit der Straflosigkeit!
Wir fordern von den Behörden: Findet den Mörder!
Melek Bektaş, die Mutter von Burak, sagte am 11. März 2024 bei der bundesweiten Pressekonferenz des Solidaritäts-Netzwerks von Angehörigen, Betroffenen und Überlebenden rechter, rassistischer, antisemitischer und antimuslimischer Morde und Gewalt aus ganz Deutschland:
„Ich will von den verantwortlichen Behörden den Mörder meines Sohnes. Das ist das Einzige, was ich zu sagen habe.“
Kein Vergeben, Kein Vergessen – Hiç unutmadık, hiç unutmayacağız!