Erinnern an den rassistischen Bombenanschlag in der Platenstraße in Köln-Ehrenfeld am 22.12. 1992

Liebe Fatma,
wir von der Initiative zur Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş senden dir unsere solidarischen Grüße und möchten dich wissen lassen: wir stehen an deiner Seite, du bist nicht allein.
Heute vor 33 Jahren wurdest du Opfer eines perfiden Paketbombenanschlags. Du erzählst, dass es für dich beinahe noch schmerzhafter war und ist, dass bei den Ermittlungen von vorne herein ein rechtes, rassistisches Tatmotiv ausgeschlossen wurde. Dies, obwohl du nach einem möglichen Hintergrund der Tat befragt wurdest und es die einzig mögliche Erklärung für dich und die Bewohner*innen des Hauses war. Und dies trotz rechter Kontinuitäten in Deutschland nach 1945, verstärkt seit den 1980er Jahren; und dies obwohl der Paketbombenanschlag nur wenige Wochen nach dem rassistischen Brandanschlag in Mölln geschah.
Nach 22 Jahren hast du, Fatma, Wege gefunden, dich mit anderen Überlebenden und Betroffenen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt zu vernetzen und erhebst seither erneut deine Stimme, – laut und deutlich. Dein Widerstand ist empowernd.
Gemeinsam mit dir, deiner Familie, der Initiative Herkesin Meydanı und dir solidarischen Menschen fordern wir Anerkennung, Aufklärung und Konsequenzen für den Anschlag vom 22.12.1992 in der Platenstraße in Köln-Ehrenfeld.
Kein Platz für Rassismus, Antisemitismus und Hass! Für eine solidarische Welt.

In Gedenken an Ramazan Avcı – 40 Jahre

Liebe Familie Avcı,
liebe Ramazan-Avcı-Initiative,
liebe Freund*innen,
wir stehen heute hier im Namen der Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş – an eurer Seite, in Solidarität und tiefem Respekt.
Vor 40 Jahren wurde Ramazan Avcı Opfer eines brutalen rassistischen Mordes. Vier Jahrzehnte später erinnern wir nicht nur an ihn, sondern auch an euren langen, schweren Weg. Einen Weg, den ihr mit Würde, Beharrlichkeit und Mut gegangen seid. Dass wir heute hier auf dem Ramazan-Avcı-Platz zusammenkommen, zeigt: Eure Arbeit des Erinnerns und des Widerstands wirkt. Sie gibt Kraft – auch uns – diesen Kampf nicht aufzugeben.
Der Mord an Ramazan Avcı geschah in einem gesellschaftlichen Klima, das von Rassismus geprägt war. Die Täter waren in rechtsextreme Strukturen eingebunden, und selbst die Ermittlungen waren von Nähe und Verflechtungen überschattet. Vieles ist längst bekannt, vieles wurde benannt – doch Konsequenzen blieben aus.
Spätestens mit dem Auffliegen des NSU im Jahr 2011 wurde deutlich, wie rechter Terror über Jahre hinweg möglich war: durch Wegsehen, Vertuschen und aktive Verstrickungen staatlicher Behörden. V-Leute wurden geschützt, Akten vernichtet, Verantwortung abgeschoben. Rassismus ist kein Randphänomen – er ist strukturell verankert: in Politik, Justiz, Polizei, Medien und in der Gesellschaft.
Der Mord an Ramazan Avcı fiel in eine Zeit rassistischer Wahlkämpfe und einer entmenschlichenden Asyl- und Migrationspolitik. Diese Politik wirkt bis heute fort – ob durch Abschottung, Hetze oder sogenannte „Stadtbilddebatten“. Die Kontinuität von Faschismus, Antisemitismus und Rassismus in Deutschland ist ungebrochen.
Wir erinnern an die vielen Opfer rechten Terrors:
an den Brandanschlag auf die Geflüchtetenunterkunft in der Halskestraße 1980,
an Shlomo Lewin und Frida Poeschke in Erlangen,
an Mehmet Kaymakçı in Hamburg,
an die ermordete Familie in Schwandorf,
an Mölln, Lübeck, Solingen, Hanau, Halle, München –
und an Süleyman Taşköprü, ermordet vom NSU hier in Hamburg.
Die Namen, die Orte, die Jahre – sie sind zu viele, um sie alle zu nennen. Doch sie zeigen: Rechter Terror ist kein Einzelfall. Er ist organisiert, vernetzt und politisch eingebettet – von der Wehrsportgruppe Hoffmann über den NSU bis zur AfD heute. Während Faschisten in Parlamenten sitzen, wird die Brandmauer eingerissen oder stillschweigend akzeptiert. Dem muss ein Ende gesetzt werden.
Nach dem Bekanntwerden des NSU haben wir uns bundesweit vernetzt – als Angehörige, Betroffene und Initiativen. Wir kämpfen gemeinsam gegen Rassismus, gegen Gewalt und gegen das Schweigen. Denn von den Verantwortlichen kommt zu oft nichts als Untätigkeit.
Eure Antwort auf all das sind 40 Jahre Widerstand und lebendiges Erinnern.
Unsere Antwort ist antifaschistische Solidarität.
Gemeinsam stehen wir für eine Gesellschaft, in der kein Platz ist für Rassismus, Ausgrenzung und Hass.
Danke.
Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş, Berlin

Gedenken an Amadeu António an seinem 35. Todestag

Grußbotschaft von der Initiative zur Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş


Wir möchten Amadeu António gedenken, der heute vor 35 Jahren gestorben ist. Denjenigen, die ihm besonders verbunden waren und sind, gilt unser tiefstes Mitgefühl!
Amadeu António Kiowa starb am 6. Dezember 1990, nachdem er elf Tage zuvor von Neonazis gejagt und zusammengeschlagen wurde – vor den Augen der Polizei, die nicht eingriff. Amadeu António war 28 Jahre alt und er war einer der vielen Vertragsarbeiterinnen der ehemaligen DDR. Er kam aus Angola. Er wurde ermordet, weil er ein Schwarzer war. Er hinterließ eine Frau und einen Sohn. Nur sechs der Täter wurden angeklagt und erhielten wegen Körperverletzung mit Todesfolge milde Strafen. Der Richter wertete den Mord als „jugendtypische Verfehlung“, ein rassistisches Motiv wurde systematisch ausgeblendet. Bei den anderen Tätern kam es erst gar nicht zur Anklage und die umstehenden, untätigen Polizistinnen erfuhren keine Konsequenzen.
Bis heute gilt Amadeu António als eines der ersten Todesopfer der extremen Rechten nach der Wiedervereinigung. Und Eberswalde ist nur der Beginn einer Reihe rassistischer Gewalttaten gegen Geflüchtete, Vertragsarbeiterinnen und Menschen mit Migrationsgeschichte im wiedervereinigten Deutschland der 1990er Jahre. Vom 17. bis 21. September 1991 griffen Neonazis im sächsischen Hoyerswerda ein Wohnheim für Vertragsarbeiterinnen aus Mosambik und Vietnam sowie eine Unterkunft für Geflüchtete an. Am 19. September 1991 wurde ein Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in saarländischen Saarlouis verrübt, bei dem Samuel Yeboah aus Ghana ums Leben kam. Sadri Berisha, ein Arbeiter aus Albanien, wurde im Schlaf im Arbeiterwohnheim im baden-württembergischen Kemnat (Landkreis Esslingen) am 8. Juli 1992 von Skinheads erschlagen. Es folgten die Pogrome von Rostock im August 1992. Im November noch ereigneten sich der Mord an Silvio Meier in Berlin und die rassistischen Brandanschläge in Mölln. Am 25. April 1994 wird ein antisemitischer Brandanschlag auf die Synagoge in Lübeck verübt. Und am 18. Januar 1996 werden bei einem Brandanschlag auf ein Haus für Asylbewerberinnen zehn Menschen ermordet, darunter waren sieben Kinder. Die gesellschaftlichen und politischen Reaktionen auf den rechten, rassistischen Terror der 90er Jahre werden mitursächlich dafür angesehen, dass sich die Beteiligten des NSU-Komplexes organisieren, radikalisieren und zu einem Terrornetzwerk entwickeln konnten. Der NSU konnte über zehn Jahre ungehindert 9 Morde an Menschen mit Migrationsgeschichte begehen. Und noch immer, nach allem, was bekannt geworden ist, wird versucht diesen gesamten Komplex aus Nazis, Staat oder Ermittlungsbehörden, auf ein Trio zu reduzieren. Die rechten Kontinuitäten zeigen sich aktuell im Antifa-Ost Prozess vor dem OG in Dresden. Die drei angeklagten Antifas geben beim Prozessauftakt eine sehr persönliche Erklärung ab, um die Vorhaltungen der Generalbundesanwaltschaft politisch einzuordnen; sie werden wegen versuchten Mordes angeklagt. Sie erzählen, wie Freundinnen und Bekannte, andere Menschen die als links gelesen wurden, brutal von Neonazis zusammengeschlagen und ermordet wurden. Sie beschreiben ihre Wut und Unverständnis, warum der Begriff der Baseballschlägerjahre nur im Rückblick der 90er verwendet werde. In vielen ostdeutschen Städten gebe es seit den 2010er Jahren massive Neonazi-Angriffe. „Nein, die Baseballschlägerjahre haben bei uns im Osten nie aufgehört“, erzählt Julian, einer der angeklagten Antifas. Antifaschistischer Widerstand sei nicht nur in den 90er, 2000er und 2010er Jahren wichtig, sondern insbesondere auch in den 2020er Jahren.
Menschen mit Migrationsgeschichte, migrantisierte Menschen und Antifaschistinnen werden zum Feindbild gemacht während Faschistinnen heute in unseren Parlamenten sitzen. Rechtmäßigkeit wird mittlerweile oft ersetzt mit dem populistischen, hetzerischen Begriff der vollen Härte: wie bei der Deportation von Maja T. nach Ungarn entgegen der Entscheidung des obersten Gerichts oder die Zurückweisung von Migrant*innen durch den Innenminister an den Grenzen, entgegen der Entscheidung des Verwaltungsgerichts Berlin.
In Zeiten einer wieder stark polarisierten und aufgeheizten gesellschaftlichen Situation wird es noch wichtiger zusammenzuhalten, sich zu vernetzen, gegenseitig Anteil zu nehmen und gegen das Vergessen zu kämpfen.
Für eine gelebte Solidarität. Und für eine Gesellschaft ohne rechte Meinungsmache, rassistische Hetze, rechte und faschistische Gewalt.

Gemeinsame Pressemitteilung: Erkenntnisse aus dem Untersuchungsausschuss zum Neukölln-Komplex stehen im Widerspruch zur ASOG-Novelle!

Erklärung zivilgesellschaftlicher Beobachter*innen des Untersuchungsausschusses „Neukölln II“ zur Novellierung des Berliner ASOG:

Berliner Abgeordnete konterkarieren sich selbst – Erkenntnisse aus dem Untersuchungsausschuss zum Neukölln-Komplex stehen im Widerspruch zur ASOG-Novelle

Zu Beginn dieser Legislaturperiode hat das Berliner Abgeordnetenhaus einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) eingesetzt, der unter anderem aufklären soll, warum die Sicherheitsbehörden im sogenannten Neukölln-Komplex nicht erfolgreich waren. Nach der Wiederholungswahl hat das Parlament diesen Einsetzungsbeschluss mit dem Stimmen der Regierungskoalition und der demokratischen Opposition bestätigt.

Statt den Abschlussbericht abzuwarten und die Ergebnisse des PUA zu berücksichtigen, wird jetzt eine erneute Novellierung des Allgemeine Gesetzes zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in Berlin (ASOG) von der Regierungskoalition durchgezogen. Damit entwerten und ignorieren die Abgeordneten der Koalition auch den Untersuchungsauftrag des PUA und die vielen Stunden Arbeit der Ausschussvertreter*innen.

Das ASOG-Gesetzespaket für Berlin wurde maßgeblich vom Berliner Senat unter Führung der Regierungskoalition aus SPD und CDU vorangetrieben. Das sind genau die Parteien, die sich vor und im Untersuchungsausschuss nicht oder wenig um die Aufklärung der extrem rechten Terrorserie in Neukölln bemüht haben.
Grundsätzliche und detaillierte Kritik am Ausbau der Überwachungsbefugnissen für die Polizei und der Einschränkung von Grundrechten durch die ASOG-Novelle haben juristische Vereinigungen und demokratische Organisationen vorgebracht. Auch die Erkenntnisse aus dem PUA sprechen die ASOG-Novelle.

Nach den Aussagen der Sicherheitsbehörden im PUA scheiterten der Schutz Betroffener und die Ermittlungen im Neukölln-Komplex weder an der technischen oder personellen Ausstattung noch an Überwachungsmöglichkeiten. An vielen Tatorten gab es Videoaufzeichnungen von Dritten, die die Polizei für ihre Ermittlungen und Beweissicherung gar nicht genutzt hat. Und beim einzigen polizeilichen Video-Einsatz funktionierte die Kamera nicht, als es zu einem Anschlag kam. Wie wenig mehr Überwachungsmaßnahmen und Eingriffe in Grundrechte zur Sicherheit beitragen, verdeutlichten die PUA-Befragungen des Verfassungsschutzes (VS), der bereits über umfassende nachrichtendienstliche Mittel verfügt. Es gab umfassendes Überwachungsmaterial über Täter und Netzwerke, dessen Auswertung aber offenbar nicht zuletzt an deren Fülle scheiterte. Der VS musste eingestehen, dass er selten über mehr Informationen als zivilgesellschaftliche Initiativen verfügte und diese für ihn die wichtigsten Quellen sind.

Zum Neukölln-Komplex gehört auch, dass gesperrte personenbezogene Informationen an Täter gelangten. Bei 27.000 Berliner Polizist*innen könne nicht garantiert werden, dass Daten und Kompetenzen nicht missbraucht würden, wurde dazu im PUA erklärt. Gefährdeten mangelnder Datenschutz und unzureichende Bekämpfung rechter Netze in der Polizei bereits bisher schon Menschen aus der Zivilgesellschaft, erhöht sich dieses Gefahrenpotential mit dem neuen ASOG enorm.

Auch wir als zivilgesellschaftliche Beobachter*innen des PUA sehen dringenden Reformbedarf bei den Sicherheitsbehörden. Ineffektive Strukturen müssen ab- statt ausgebaut und eine wirksame demokratische Kontrolle geschaffen werden. Wir fordern, dass der PUA in seinem Abschlussbericht entsprechende Maßnahmen vorschlägt. Diese müssen Grundrechte und Rechtsstaat stärken. Diese ASOG-Novelle der Regierungskoalition tut das Gegenteil und muss deshalb gestoppt werden!

Zivilgesellschaftliche Beobachter*innen des Untersuchungsausschusses zum Neukölln-Komplex

Grußbotschaft zum 33. Jahrestag des Gedenkens an die rassistischen Brandanschläge von Mölln

Liebe Familie Arslan, Liebe Familie Yılmaz, Liebe solidarische Menschen,

Wir sind heute hier, weil wir niemals vergessen, und niemals vergessen werden Mölln 1992. Wir erinnern an eurer Seite Bahide, Ayşe und Yeliz, euren Liebsten. Die Vorabende der rassistischen Brandanschläge in Mölln – wir können es nicht vergessen. Die Pogrome im August in Rostock-Lichtenhagen, wie der Staat gewähren ließ, der faschistische Mord an Silvio Meier zwei Tage vor Mölln1992 in Berlin, wir werden nicht vergessen. Weil faschistische Angriffe nicht vergessen werden dürfen.
Seit der Wiedervereinigung sind rassistische, antisemitische, rechte und faschistische Morde, Brandstiftungen und Angriffe bittere Realität in Deutschland: Hoyerswerda, Mölln, Lübeck, Hamburg, NSU, München, Halle Hanau – die Liste ist lang. Die Morde des NSU, der Mord an Oury Jalloh, die Morde hier in Mölln und viele andere Morde zeigen immer wieder die Rolle von Staat und Politik. Und wir sehen immer wieder: Staat und Nazis Hand in Hand. Rassistische/Rechte Morde sind in Deutschland institutionell verankert. Denn Polizei, Justiz, Verfassungsschutz und Politik versagen immer wieder – oder schauen weg.

Seit 1990 zählt die Zivilgesellschaft mindestens 239 Todesopfer rechter Gewalt.
Offiziell anerkannt sind nur 117. Die Zahl rechter Straftaten steigt, aber der Staat verharmlost und leugnet. In Berlin befasst sich endlich ein Untersuchungsausschuss mit dem sogenannten Neukölln-Komplex – den Brandanschlägen und Angriffen auf antifaschistisch Engagierte und den Morden an Burak Bektaş und Luke Holland. Doch was kam heraus?

Von Anfang an wurde in Buraks Fall nicht in Richtung eines rassistischen Motivs ermittelt. Die Ermittlungen wurden verschleppt, Akten wurden zurückgehalten, Verantwortliche wurden sogar befördert. Die Staatsanwaltschaft sprach beim Mord an Burak von einem „perfekten Mord“. Das ist keine Erklärung – das ist Kapitulation!
Und obwohl der Mörder von Luke Holland ein Nazi war, wurde er ohne ein Mordmotiv verurteilt. Behörden, Politik und Justiz wollen nicht aufklären, wollen nicht die Dinge beim Namen nennen.
Würden sie denselben Eifer, mit dem sie institutionellen Rassismus leugnen, in die Aufklärung rassistischer Morde stecken – vieles wäre längst aufgeklärt.
Das Versagen der Behörden ist kein Zufall – es ist strukturell.

Damals wie heute wird mit rassistischer Hetze Wahlkampf geführt von Seiten der CDU und die SPD hält still. Mittlerweile sitzen Faschisten in den Parlamenten. Aber: Wir lassen nicht locker. In Solidarität, mit unserer Geduld und Entschlossenheit werden wir weiterkämpfen – für Aufklärung, Gerechtigkeit und Erinnerung und Konsequenzen. Solange es keine Konsequenzen gibt, wird es weitergehen. Eins ist sicher: Die Angehörigen der Opfer rassistischer und faschistischer Morde und Gewalt und Betroffenen und solidarische Menschen, wir erinnern und wir kämpfen.
Die Erwartungen der Mörder werden enttäuscht.
An der Stelle, an der Burak ermordet wurde, steht heute die Skulptur „Algorithmus für Burak und ähnliche Fälle“. Als Zeichen des Widerstands Gedenken wir Silvio Meier. Und wir erinnern Bahide Arslan, Ayşe Yılmaz und Yeliz Arslan.
Kein Vergeben – Kein Vergessen! No pasarán!

In Gedenken an die Opfer rechter Gewalt – Silvio Meier Mahnwache 21.11.2025

Redebeitrag der Burak Initiative

Hallo liebe Antifaschisti*nnen,

wir sind heute hier, weil der faschistische Mord an Silvio Meier nicht vergessen werden darf.
Wir sind hier, weil faschistische Angriffe nicht vergessen werden dürfen.
Freundinnen und Freunde von Silvio wurden schwer verletzt – und Silvio wurde nur wenige Meter von hier ermordet.

Die Polizei griff damals nicht ein.
Die Täter wurden nur wegen „Körperverletzung mit Todesfolge“ verurteilt – das Gericht sprach von „jugendtypischen Verfehlungen“.
Das war und ist ein Skandal!

Seit der Wiedervereinigung sind rassistische, antisemitische, rechte und faschistische Morde, Brandstiftungen und Angriffe bittere Realität in Deutschland:
Mölln, Hoyerswerda, Lübeck, Hamburg, NSU, Hanau, Halle, München – die Liste ist lang.

Die Morde des NSU, der Tod von Oury Jalloh und viele andere Fälle zeigen:
Rassistische Morde sind in Deutschland institutionell verankert.
Denn Polizei, Justiz, Verfassungsschutz und Politik versagen immer wieder – oder schauen weg.

Seit 1990 zählt die Zivilgesellschaft mindestens 239 Todesopfer rechter Gewalt.
Offiziell anerkannt sind nur 117.
Die Zahl rechter Straftaten steigt, aber der Staat verharmlost und leugnet.

In Berlin befasst sich endlich ein Untersuchungsausschuss mit dem sogenannten Neukölln-Komplex – den Brandanschlägen und Angriffen auf antifaschistisch Engagierte und den Morden an Burak Bektaş und Luke Holland.
Doch was kam heraus?
Von Anfang an wurde in Buraks Fall nicht in Richtung eines rassistischen Motivs ermittelt.
Die Ermittlungen wurden verschleppt, Akten wurden zurückgehalten, Verantwortliche wurden sogar befördert.

Die Staatsanwaltschaft sprach beim Mord an Burak vom „perfekten Mord“.
Das ist keine Erklärung – das ist Kapitulation!

Und obwohl der Mörder von Luke Holland ein Nazi war, wurde er ohne Motiv verurteilt.
Das zeigt:
Behörden, Politik und Justiz wollen nicht aufklären.

Würden sie denselben Eifer, mit dem sie institutionellen Rassismus leugnen, in die Aufklärung rassistischer Morde stecken – vieles wäre längst aufgeklärt.

Darum sagen wir:
Das Versagen der Behörden ist kein Zufall – es ist strukturell.
Und solange es keine Konsequenzen gibt, wird es weitergehen.

Aber: Wir lassen nicht locker.
Mit eurer solidarischen Unterstützung, mit unserer Geduld und Entschlossenheit werden wir weiterkämpfen – für Aufklärung, Gerechtigkeit und Erinnerung.

Denn eins ist sicher:
Die Erwartungen der Mörder wurden enttäuscht.
An der Stelle, an der Burak ermordet wurde, steht heute die Skulptur „Algorithmus für Burak und ähnliche Fälle“.
Ein Zeichen des Widerstands und der Erinnerung.
Und hier gibt es heute eine Silvio Meier Straße.

Darum rufen wir gemeinsam:

Nicht vergessen!
Nicht vergeben!
No pasarán!

Grußbotschaft der Burak-Ini zur Einweihung der Gedenktafel, die an das Überleben von B. Efe erinnern soll

Lieber Efe, liebe Efe-Soli-Gruppe und liebe engagierte Freundinnen und Freunde,
es ist soweit: heute wird die Gedenktafel eingeweiht in Erinnerung an den rassistischen Mordversuch an B.Efe sowie in Erinnerung aller Betroffenen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. 
Die Tafel verurteilt den rassistischen Mordversuch auf unseren Freund Efe und ist Symbol des Kampfes gegen Rassismus – für Anerkennung rechter, rassistischer Gewalt sowie Konsequenzen daraus. 
Wir danken von Herzen allen, die in diesem Kampf mitgewirkt und Widerstand geleistet haben.
Dieser Erfolg zeigt erneut: Kein rassistischer Angriff wird unbeantwortet bleiben.
Niemand, der von Rassismus und rechter Gewalt betroffen ist und keine Angehörigen der Opfer werden allein gelassen –  niemand wird vergessen werden!
Kassel ist die Stadt, in der wir Halit Yozgat erinnern, dem letzten offiziell bekannten Opfer der NSU Morde. 
Kassel ist auch Symbol des Kampfes gegen den NSU 2.0. In Kassel wurde auch Walter Lübke ermordet. Dessen Mörder wurde bei Gericht bezüglich des Mordversuchs – ebenfalls in Kassel – an Ahmed I. freigesprochen, da das Gericht keine ausreichenden Beweise für eine Verurteilung habe finden können. Wie das Gericht jedoch das Blut von Ahmed I. an einem Messer im Haus des Täters erklärt, ist nicht nachvollziehbar. 
Rassistische und rechte Morde und Gewalt haben System. Dem behördlichen Versagen ist diese Tafel ein Mahnmal.  
Efe B. muss von den offiziellen Stellen als Opfer von Rassismus anerkannt und schnellstmöglich entschädigt werden.
Efe B., du bist nicht allein!
Wir solidarisieren uns mit allen Opfern des Rassismus und rechter Gewalt und wir erinnern jene, die in diesem Kampf ihr Leben verloren haben.
Wir haben nicht vergessen! Wir werden nicht vergessen!
Erinnern heißt kämpfen!
Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş, Berlin.

Redebeitrag der Burak-Ini zum 6. Jahrestag des Anschlags in Halle/S.

150 Menschen nahmen an der Gedenkkundgebung zum 6. Jahrestag des Anschlags von Halle/S. und Wiedersdorf an der Kundgebung am Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg teil. Wir konnten einen Redebeitrag zur Kundgebung beitragen.

Initiative Antisemitismus und Rassismus gemeinsam bekämpfeninstagram von Initiative Antisemitismus und Rassismus gemeinsam bekämpfen

Liebe Angehörige, liebe Überlebende und Betroffene, liebe Soligruppe 9. Oktober, liebe jüdische Gemeinde, liebe solidarische Menschen,
heute erinnern wir gemeinsam an den antisemitischen, rassistischen und misogynen Anschlag vom 9. Oktober 2019 in Halle und Wiedersdorf.
Wir gedenken den beiden Ermordeten. Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen, Freund*innen, den Überlebenden und allen, die von diesem Terror betroffen sind.
Wir möchten unser tiefes Mitgefühl ausdrücken – auch gegenüber jenen, die aktuell erneut betroffen sind, wie durch den Anschlag auf die Synagoge in Manchester an Yom Kippur vor wenigen Tagen. Wir gedenken auch den Opfern dieses erschütternden Anschlags.

Es sind nun 6 Jahre des Erinnerns, des Widerstands und des Kampfes. Ihr setzt Zeichen. Sie sind unübersehbar. Sie sind unüberhörbar.
Mit dem TEKIEZ habt ihr einen ganz besonderen Ort der Solidarität geschaffen, ein Zeichen gegen Rassismus und Antisemitismus, einen Raum für Begegnung und gegenseitiges Zuhören.
Es ist euch immer wichtig, die unterschiedlichen Tatmotive für den Anschlag von Halle und Wiedersdorf zu benennen: Antisemitismus, Rassismus und Misogynie. Der Spaltung von jüdischen und muslimischen Menschen seid ihr so von Anfang an entgegengetreten.

Gerade nach dem 7. Oktober 2023, den Angriffen der Hamas und dem Krieg in Gaza erleben wir, wie Antisemitismus und Rassismus gegeneinander ausgespielt werden. Die so genannte Staatsräson wird dabei oft als Vorwand genutzt, um innenpolitisch repressiv zu handeln, statt jüdisches Leben wirklich zu schützen. Das führt zu einer weiteren Spaltung und einem Anstieg von Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus.
Betroffene sind keine Statisten. Sie sind aktiv: Sie klären auf, fordern Gerechtigkeit, leisten Erinnerungsarbeit. Das sehen wir in Hanau, in München, in Mölln – und hier in Halle.
Ein Beispiel ist die interaktive Timemap, die u. a. von Talya Feldmann mitentwickelt wurde. Sie macht deutlich: Der Anschlag von Halle war kein Einzelfall, sondern eingebettet in eine Kontinuität rechten Terrors, bei dem Online-Radikalisierung eine wichtige Rolle spielt. Christchurch, El Paso, Poway, Oslo – es finden sich zahlreiche Parallelen.

Erschreckend ist, dass Behörden kaum Wissen darüber haben und diese Verbindungen schwer erkennen – oder dies nicht wollen. So erklärte das BKA selbst, Zusammenhänge dieser Art zu erkennen, sei „nicht ihre Aufgabe“. Diese Ignoranz kennen viele Betroffene. Sie erleben nicht nur den Terror selbst, sondern auch das wiederholte institutionelle Versagen danach.
Alle Betroffenen müssen mit dieser schwierigen und belastenden Situation ihre eigenen Umgangsweisen finden.

Philipp Holland hat anlässlich des 10. Todestages seines Sohnes Luke einige seiner Gedanken und Gefühle mit uns geteilt. Luke Holland wurde 2015 von einem Nazi in Berlin-Neukölln ermordet, weil er Englisch sprach. Auf seinen Mörder hatte es bereits bei den Ermittlungen zu dem bis heute nicht aufgeklärten Mord an Burak Bektaş einen Hinweis gegeben.
Philipp Holland sagte:
„Ritas Leben und mein Leben sind seit diesem Tag vorbei. Seitdem ist es sehr schwer gewesen. Rita ist nur vier Jahre nach Luke gestorben. Sie konnte den Schmerz und den Kummer, ohne unseren Sohn leben zu müssen, nicht mehr ertragen. (…) ich versprach ihr, dass ich versuchen würde, am Leben zu bleiben, um zu sehen, wie hoffentlich für den Mord an Burak gegen Zielezinski ermittelt wird, und er angeklagt und strafrechtlich verfolgt wird.
Wenn von Anfang an ordnungsgemäß gegen ihn ermittelt worden wäre, (…) wäre ich nicht in dieser Lage. Und Rita und Luke wären noch am Leben.“

Diese Worte tragen tiefe Trauer – aber auch Wut, den Wunsch nach Gerechtigkeit und den Auftrag an uns alle, uns für Aufklärung, Gerechtigkeit und Konsequenzen einzusetzen.

Viele von euch kennen all diese Gefühle. Und ihr beschreibt immer wieder, dass die Vernetzung mit anderen Betroffenen, die ähnliche Erfahrungen teilen, neben der Schwere, die ihr teilt, auch Kraft gibt. Ihr solidarisiert euch, hört euch gegenseitig zu, erhebt gemeinsam eure Stimme, stellt Zusammenhänge heraus, klagt an, kämpft für Aufklärung und sucht selbstbestimmt nach Wegen der Erinnerung und des Gedenkens.
Ohne die Narrative von Betroffenen ist Erinnerungskultur inhaltsleer.

Anastassia Pletoukhina, Überlebende des Anschlags von Halle und Wiedersdorf, sagt:
„Erinnern bedeutet für mich, in Verbindung mit mir, den anderen Betroffenen und der gesamten Gesellschaft zu sein. Es schafft neue Perspektiven und ermöglicht Wachstum und somit eine gemeinsame Zukunft. Vergessen und verdrängen sind Kluft-schaffende Verleugnung, in die wir als Gesellschaft unvermeidlich hineinfallen werden.“
In diesem Sinne lasst uns gemeinsam Erinnern, miteinander in Verbindung sein, unterschiedliche Perspektiven hören und zusammen an einer gemeinsamen Zukunft bauen.
Der Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus geht uns alle an.
Wir überlassen den Rechten und ihren Ideologien nicht das Feld – und auch nicht die Deutungshoheit.
Wir lassen uns nicht spalten. Unsere Kraft ist eure Solidarität!