Archiv des Monats: Februar 2026

Gedenken 6 Jahre nach dem rassistischen Anschlag in Hanau

Anlässlich des 6. Jahrestags des rassistischen Anschlags in Hanau laden wir zu einer Mahnwache ein.
Die Zeit der Reden ist vorbei.
Sechs Jahre nach Hanau fordern Angehörige und Überlebende noch immer Gerechtigkeit, vollständige Aufklärung und echte Konsequenzen.
Hanau war kein Einzelfall.
Rechter Terror hat Geschichte – und Gegenwart.

Kein Vergeben. Kein Vergessen.

Kommt zahlreich.
🕯️💐 Bringt bitte Kerzen und Blumen mit

@oplatz4hanau

14.2. Gedenken an Buraks 36. Geburtstag

Liebe Familie Bektaş, liebe Angehörige, Freundinnen und Freunde von Burak und liebe solidarische Menschen,
heute wäre Buraks 36. Geburtstag.
36 Jahre wäre er jetzt alt.
Wo würde er heute im Leben stehen?
22 Jahre lang hat Burak seinen Geburtstag mit euch, im Kreise seiner Liebsten verbracht.
Dieses Jahr ist schon der 14. Geburtstag Buraks, den ihr ohne ihn verbringen müsst.
Denn Burak wurde nur wenige Meter von hier auf offener Straße erschossen. Da war er erst 22 Jahre alt. Vier seiner Freunde, mit denen er an dem Abend zusammen war, haben den Angriff überlebt, zwei von ihnen schwer verletzt. Der Mord wurde bis heute nicht aufgeklärt. Bis es keine andere Erklärung dafür gibt, gehen wir davon aus, dass Rassismus das Motiv war, weswegen der Mörder völlig anlasslos auf Burak und seine Freunde geschossen hat.
Burak kann seinen Geburtstag deswegen seit 14 Jahren nicht mehr feiern.
Wir kommen dennoch zusammen.
Die, die Burak kannten, und die, die Burak nicht kennen lernen konnten. Gemeinsam halten wir die Erinnerung an Burak wach. Jedes Jahr am 14. Februar kommen wir hier her, an den Gedenkort mit der Skulptur „Algorithmus für Burak und ähnliche Fälle“. Der Gedenkort macht im öffentlichen Raum sichtbar was hier passiert ist, sodass es nie vergessen wird, selbst wenn hier irgendwann keine Menschen mehr leben sollten, die sich persönlich daran erinnern können. Der Gedenkort ist ein Ort, an dem an Burak erinnert wird, sichtbar für alle, die hier vorbei kommen. Die vielen Blumen und Kerzen, die wir heute hier am Gedenkort hinterlassen, machen allen, die sie sehen, deutlich, wie viele Menschen sich an Burak erinnern oder Burak gedenken.
Burak wurde sehr geliebt. Wir aus der Ini haben Burak nicht persönlich gekannt. Aber wenn wir Leute fragen, die ihn kannten, dann wird uns das sehr deutlich.
Viele erinnern sich an Buraks besonderes Lächeln, mit dem er die Menschen schnell für sich eingenommen hat. Burak war sehr beliebt und kannte viele Menschen. Das hören wir von euch, das merken wir aber auch, wenn wir für den Gedenktag am 5. April in Neukölln plakatieren gehen. Häufiger schon ist es passiert, dass wir bspw. in einem Späti fragen, ob wir Flyer auslegen oder Plakate für das Gedenken an Burak aufhängen dürfen und die dort Arbeitenden uns dann erzählen, dass sie Burak persönlich kannten.
Burak hat eine Ausbildung als Automobil-Kaufmann gemacht und war sehr stolz auf sein Auto. In seiner Freizeit hat er begeistert Kampfsport betrieben, Wingtsun. Seine Familie war für Burak sehr wichtig. Seine Familie wünscht sich sehr, dass er noch bei ihnen wäre, dass sie nicht hier am Gedenkort, sondern mit ihm zusammen seinen Geburtstag verbringen könnten, und all die anderen Tage im Jahr auch. Niemandem soll so etwas Schreckliches passieren, keine Familie soll diesen Schmerz eines solchen Verlustes erleben müssen.
Noch schmerzhafter und bedrohlicher wird das alles, weil die Tat bis heute nicht aufgeklärt ist. Und besonders beunruhigend ist, dass der Mörder von Luke, der auch der Mörder von Burak sein könnte, voraussichtlich bald seine Gefängnisstrafe verbüßt haben und wieder auf freien Fuß kommen wird. Für das Sicherheitsgefühl von Familie Bektaş und auch die Sicherheit aller anderen Menschen ist es unabdingbar, dass der Mord an Burak endlich aufgeklärt und der Mörder verurteilt wird.
Warum das bislang nicht passiert ist und wieso auch eine Reihe weiterer extrem rechter Straftaten in Neukölln lange nicht aufgeklärt wurde, damit hat sich in den letzten Jahren, seit Sommer 2022, ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss im Berliner Abgeordnetenhaus beschäftigt, den wir als Initiative gemeinsam mit anderen Gruppen und Betroffenen zuerst erkämpft und dann beobachtet haben. Die öffentlichen Sitzungen sind mittlerweile abgeschlossen und die Fraktionen beraten zur Zeit über den Abschlussbericht, den sie Ende Mai veröffentlichen wollen. Wir gehen nicht davon aus, dass er seinem Auftrag und den Erwartungen der Betroffenen gerecht werden wird. Umso mehr fordern wir Konsequenzen für die verantwortlichen Behörden. Über unsere abschließenden Schlussfolgerungen aus dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss werden wir euch in den nächsten Monaten noch berichten.
Zusammen mit Familie Bektaş verfolgen wir ganz unterschiedliche Wege, um die Erinnerung an Burak wachzuhalten. Bald werden wir bspw. die Clay Schule besuchen und uns dort mit Schüler*innen treffen und uns mit ihnen austauschen. Sie werden im Anschluss Gedichte über Burak schreiben. Diese Gedichte sollen als kleines Buch veröffentlicht werden. Wir freuen uns sehr über dieses Interesse der Schüler*innen und Lehrer*innen und die solidarische Zusammenarbeit. Wir hoffen, dass beim Gedenken an Burak im April ein paar dieser Gedichte hier vorgetragen werden können.
Außerdem wird in einer Buchveröffentlichung in dem Projekt „Wir sind hier“ von Talya Feldmann ein Gespräch mit Melek Bektaş erscheinen. Talya Feldmann ist Künstlerin und Überlebende des antisemitischen, rassistischen und frauenfeindlichen Anschlags in Halle an Yom Kippur 2019. In ihrem Projekt „Wir sind hier“ macht sie die Geschichten von Überlebenden von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt sowie die Geschichten von Angehörigen von aus diesen Motiven Ermordeten sichtbar, ebenso wie ihre Kämpfe um Aufklärung, Gerechtigkeit, selbstbestimmtes Gedenken und ihre solidarischen Verbindungen untereinander. Das Buch wird voraussichtlich Ende des Jahres erscheinen.
Ein weiteres Projekt, an dem derzeit gearbeitet wird, ist eine Graphic Novel zum Neukölln-Komplex von ASP, der „Agentur für soziale Perspektiven“. Sie haben dafür Kontakt zu Familie Bektaş, Familie Holland und weiteren Betroffenen im Neukölln-Komplex aufgenommen. Die Geschichten von Burak Bektaş und Luke Holland werden in der Graphic Novel eine zentrale Rolle spielen.
Diese Kooperationen sind für uns sehr wichtig und wir wertschätzen diese Art von solidarischer Zusammenarbeit enorm. Mit diesen Projekten können weitere Menschen erreicht werden, die wir ohne sie nicht erreichen würden. Mehr Menschen erfahren von Burak und vom Kampf um Aufklärung und Gerechtigkeit. Vielleicht solidarisieren auch sie sich und unterstützen diesen Kampf auf ihre Weise und im Rahmen ihrer Möglichkeiten.
Zum Schluss wollen wir eine Einladung aussprechen, die wir immer mal wieder wiederholen werden. Die Einladung geht an die, die Burak kannten und an die, die den Mordanschlag selbst überlebt haben. Falls ihr darüber sprechen wollt, falls ihr wollt, dass eure Erinnerungen, Erlebnisse, Forderungen, was auch immer euch hierzu wichtig ist, von mehr Menschen gehört werden, dann sprecht uns gerne an. Es gibt immer wieder und ganz unterschiedliche Möglichkeiten: Beiträge auf unseren Gedenkveranstaltungen, die können auch aufgenommen oder von uns vorgelesen werden, Gespräche in Schulen, für Buchprojekte oder Ausstellungsprojekte, für die Zeitung, Podcasts oder Filme, Gestaltung von Postern oder Postkarten. Wir können auch zusammen überlegen, was der richtige Rahmen oder das richtige Format sein könnte. Uns ist wichtig, dass ihr wisst, dass ihr uns hierzu immer ansprechen könnt.
Ibrahim Arslan, der als kleines Kind 1992 einen rassistischen Brandanschlag überlebt hat, bei dem seine Oma Bahide Arslan, seine Schwester Yeliz Arslan und seine Cousine Ayşe Yılmaz ermordet wurden, sagt, dass ihm das öffentliche Reden darüber gut tut und dadurch seine Symptome gelindert werden. Anderen geht das gar nicht so. Wieder andere entscheiden sich nach Jahrzehnten des Schweigens, öffentlich zu sprechen, wie Fatma, die 1992 einen rassistischen Bombenanschlag in Köln überlebt hat und die wir durch die bundesweite Vernetzung mit Betroffenen von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt kennen gelernt haben. Auch falls ihr interessiert seid, an diesen Vernetzungstreffen teilzunehmen und andere Menschen kennenzulernen, die rechte, rassistische oder antisemitische Gewalt überlebt haben oder Angehörige dadurch verloren haben, könnt ihr immer auf uns zukommen.
Buraks Todestag jährt sich dieses Jahr am 5. April zum vierzehnten Mal. Da der 5. April dieses Jahr auf den Ostersonntag fällt und in der Mitte der Schulferien liegt, haben wir uns entschieden, die Kundgebung in Gedenken an Burak am Sonntag, den 12. April zu machen. Wir laden euch herzlich ein, auch am 12. April wieder hier am Gedenkort zusammen zu kommen.
In Gedenken an Burak Bektaş.
Wir kämpfen weiter für Aufklärung.
Wir kämpfen weiter gegen das Vergessen.