Gedenken an Amadeu António an seinem 35. Todestag

Grußbotschaft von der Initiative zur Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş


Wir möchten Amadeu António gedenken, der heute vor 35 Jahren gestorben ist. Denjenigen, die ihm besonders verbunden waren und sind, gilt unser tiefstes Mitgefühl!
Amadeu António Kiowa starb am 6. Dezember 1990, nachdem er elf Tage zuvor von Neonazis gejagt und zusammengeschlagen wurde – vor den Augen der Polizei, die nicht eingriff. Amadeu António war 28 Jahre alt und er war einer der vielen Vertragsarbeiterinnen der ehemaligen DDR. Er kam aus Angola. Er wurde ermordet, weil er ein Schwarzer war. Er hinterließ eine Frau und einen Sohn. Nur sechs der Täter wurden angeklagt und erhielten wegen Körperverletzung mit Todesfolge milde Strafen. Der Richter wertete den Mord als „jugendtypische Verfehlung“, ein rassistisches Motiv wurde systematisch ausgeblendet. Bei den anderen Tätern kam es erst gar nicht zur Anklage und die umstehenden, untätigen Polizistinnen erfuhren keine Konsequenzen.
Bis heute gilt Amadeu António als eines der ersten Todesopfer der extremen Rechten nach der Wiedervereinigung. Und Eberswalde ist nur der Beginn einer Reihe rassistischer Gewalttaten gegen Geflüchtete, Vertragsarbeiterinnen und Menschen mit Migrationsgeschichte im wiedervereinigten Deutschland der 1990er Jahre. Vom 17. bis 21. September 1991 griffen Neonazis im sächsischen Hoyerswerda ein Wohnheim für Vertragsarbeiterinnen aus Mosambik und Vietnam sowie eine Unterkunft für Geflüchtete an. Am 19. September 1991 wurde ein Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in saarländischen Saarlouis verrübt, bei dem Samuel Yeboah aus Ghana ums Leben kam. Sadri Berisha, ein Arbeiter aus Albanien, wurde im Schlaf im Arbeiterwohnheim im baden-württembergischen Kemnat (Landkreis Esslingen) am 8. Juli 1992 von Skinheads erschlagen. Es folgten die Pogrome von Rostock im August 1992. Im November noch ereigneten sich der Mord an Silvio Meier in Berlin und die rassistischen Brandanschläge in Mölln. Am 25. April 1994 wird ein antisemitischer Brandanschlag auf die Synagoge in Lübeck verübt. Und am 18. Januar 1996 werden bei einem Brandanschlag auf ein Haus für Asylbewerberinnen zehn Menschen ermordet, darunter waren sieben Kinder. Die gesellschaftlichen und politischen Reaktionen auf den rechten, rassistischen Terror der 90er Jahre werden mitursächlich dafür angesehen, dass sich die Beteiligten des NSU-Komplexes organisieren, radikalisieren und zu einem Terrornetzwerk entwickeln konnten. Der NSU konnte über zehn Jahre ungehindert 9 Morde an Menschen mit Migrationsgeschichte begehen. Und noch immer, nach allem, was bekannt geworden ist, wird versucht diesen gesamten Komplex aus Nazis, Staat oder Ermittlungsbehörden, auf ein Trio zu reduzieren. Die rechten Kontinuitäten zeigen sich aktuell im Antifa-Ost Prozess vor dem OG in Dresden. Die drei angeklagten Antifas geben beim Prozessauftakt eine sehr persönliche Erklärung ab, um die Vorhaltungen der Generalbundesanwaltschaft politisch einzuordnen; sie werden wegen versuchten Mordes angeklagt. Sie erzählen, wie Freundinnen und Bekannte, andere Menschen die als links gelesen wurden, brutal von Neonazis zusammengeschlagen und ermordet wurden. Sie beschreiben ihre Wut und Unverständnis, warum der Begriff der Baseballschlägerjahre nur im Rückblick der 90er verwendet werde. In vielen ostdeutschen Städten gebe es seit den 2010er Jahren massive Neonazi-Angriffe. „Nein, die Baseballschlägerjahre haben bei uns im Osten nie aufgehört“, erzählt Julian, einer der angeklagten Antifas. Antifaschistischer Widerstand sei nicht nur in den 90er, 2000er und 2010er Jahren wichtig, sondern insbesondere auch in den 2020er Jahren.
Menschen mit Migrationsgeschichte, migrantisierte Menschen und Antifaschistinnen werden zum Feindbild gemacht während Faschistinnen heute in unseren Parlamenten sitzen. Rechtmäßigkeit wird mittlerweile oft ersetzt mit dem populistischen, hetzerischen Begriff der vollen Härte: wie bei der Deportation von Maja T. nach Ungarn entgegen der Entscheidung des obersten Gerichts oder die Zurückweisung von Migrant*innen durch den Innenminister an den Grenzen, entgegen der Entscheidung des Verwaltungsgerichts Berlin.
In Zeiten einer wieder stark polarisierten und aufgeheizten gesellschaftlichen Situation wird es noch wichtiger zusammenzuhalten, sich zu vernetzen, gegenseitig Anteil zu nehmen und gegen das Vergessen zu kämpfen.
Für eine gelebte Solidarität. Und für eine Gesellschaft ohne rechte Meinungsmache, rassistische Hetze, rechte und faschistische Gewalt.